Übergewicht (Adipositas)

Übergewicht stellt ein nachgewiesenes Gesundheitsrisiko dar. Prävention und Behandlung dieser deutlich zunehmenden Folgeerscheinung industrialisierter Länder gelten als aktuelle gesundheitspolitische und sozialpolitische Herausforderung.
Gerade auch in der Steiermark nimmt die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die für ihr Alter zu schwer sind, zu. Zur Beurteilung von Übergewicht wird der Body Mass Index (BMI) herangezogen, doch gelten hier im Unterschied zu Erwachsenen alters- und geschlechtsbezogene Werte. So spricht man bei BMI- Werten zwischen 90. und 97. Alters-/Geschlechtsperzentile von Übergewicht, bei BMI- Werten über der 97. Perzentile von Adipositas.

Aus zahlreichen Studien ist hervorgegangen, dass ohne Interventionen und Therapiekonzepte fast alle übergewichtigen Kinder und Jugendliche auch im Erwachsenenalter übergewichtig sein werden, und ein zunehmender Teil der übergewichtigen Erwachsenen war schon in der Jugendzeit übergewichtig. Somit kommt der Prävention/Behandlung dieser Problematik eine übergeordnete Rolle zu, und ihre Qualität entscheidet mit über die Zukunft unseres Landes in Hinsicht auch die mit Adipositas verbundenen Erkrankungen wie Diabetes Mellitus, Herzinfarkt, Schlaganfall, Gelenksprobleme, und viele mehr.

Im Gegenzug zu untergewichtigen Kindern scheint es bei Übergewicht um die Themen Großzügigkeit, Grenzenlosigkeit, Kontrollverlust, Maßlosigkeit und die sich daraus entwickelnde durch chronisches Übergewicht reaktiv entstehende frühe Resignation, Selbstwertproblematik und Kapitulation vor den eigenen oralen Triebdurchbrüchen.

Dicke Kinder kommen überdurchschnittlich aus dicken Familien, in welchen meist ein oder beide Eltern auch mittelgradig oder massiv übergewichtig sind. Eine ganz andere Bedürfnisbefriedigungs- und Körperkultur basiert auf einer ganz anderen Mahlzeiten- und Kochkultur. Die Eltern haben sich selbst Gewichtsmäßig meist seit Jahrzehnten “aufgegeben“, sie bekämpfen das Übergewicht des Kindes auch viel weniger resolut und effektiv, weil eine Beschäftigung mit dem Symptom des Kindes zwingend auch eine selbstkritische Beschäftigung mit dem eigenen langjährig gestörten Essverhalten verlangen würde. Die Identität dieser Kinder ist oft chronisch geschwächt, sie verlieren täglich, sie führen keinen Machtkampf gegen die elterliche Kontrolle, sie essen einfach oder sie essen einfach mit. Sie essen, weil sie überbeschäftigt sind, sie essen im Stehen und Gehen, weil sie keine Zeit haben, sie essen, wenn sie müde sind, sie essen, wenn ihnen langweilig ist, sie essen, weil es gut schmeckt, sie essen, weil sei es gut vertragen, sie essen, weil es die anderen freut, sie essen, weil die anderen essen, sie essen, weil man ja nie weiß, wann es wieder etwas zum Essen geben wird. Dicke Menschen nehmen ihr eigenes Essen kaum wahr, subjektiv haben sie meist wenig bis kaum gegessen. Sie haben auch selten ein Gefühl der Sattheit oder Fülle.

Die eigene Körperwahrnehmung ist eine ganz andere. Mit jeden Kilogramm Übergewicht bewegen sie sich weniger als früher, sie brauchen weniger und bekommen und nehmen mehr; der Teufelskreis hat begonnen. Sie ersticken bald im eigenen Fett, die Persönlichkeit umgürtet sich mit Fett und versinkt buchstäblich unter der dicken Schicht des eigenen Körperfettes. Aus kinderärztlicher und psychotherapeutischer Sicht ist die Frage, ob Übergewicht oder Untergewicht gefährlicher oder schädigender ist eine sinnlose; der einzelne Patient kann sich seine Entwicklungsschiene nicht aussuchen; sie ist genetisch, dispositionell sowie psychosozial und interaktiv so stark beeinflusst, sodass nur eine mehrdimensionale Analyse, Diagnostik und Therapieansatz (Ernährungsberatung, Bewegungs- und Physiotherapie, Psychologie, endokrinologische Abklärung, orthopädische Untersuchung etc.) eine längerfristige Veränderung des Ernährungsstils und der damit verbundenen Reflexion darüber zu schaffen versuchen kann. Die mediale und gesellschaftliche Wertung von Übergewicht zeigt keinen guten Ruf. Übergewichtigkeit gilt heute noch in USA und Europa eher als „unanständig“ und selbstverschuldet. Dies bildet sich – zu Ungunsten der betroffenen Klienten - auch in der Wahrnehmung der Krankenkassenträger bezüglich ihrer Mitverantwortung und Interventionspflichtigkeit im Präventions- wie Therapiebereich ab.

Die therapeutische Herausforderung heißt also, dem Kind oder Jugendlichen genug Halt (möglicherweise auch Kontrolle) und Respekt zu gewähren und ihm einen Rahmen zu geben, in welchem seine Wahrnehmung und das Erleben des Körpers und seiner psychischen Befindlichkeit neu gestaltet werden und er oder sie sich am neuen Selbst- und Körpergefühl und der Zunahme sozialer Aktivitäten (und dadurch auch mehr Bewegung) freuen kann.

Starke Freunde - Programm für übergewichtige Kinder

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